Die Duschen sahen bei meiner ersten Inspektion vorgestern eigentlich nicht allzu vertrauenserweckend aus, aber heute hab‘ ich mich dann doch getraut, sie zu benutzen! Und sie waren zum Glück deutlich besser, als ich dachte! Sehr erfrischt und putzmunter machte ich mir Frühstück und bereitete so langsam meine Abfahrt vor.

Beim Einrollen des Stromkabels kam ich mit einem Camper von gegenüber ins Gespräch. Er ist mit seiner Frau und seiner Tochter seit drei Tagen in Ungarn unterwegs und fährt das gleiche Wohnmobil wie ich, einen Carado T447. Er erzählte mir, seine „Frauen“ würden gerade jetzt am Morgen sehr frieren, aber er wüsste leider nicht, wie man die Heizung einschaltete! Alter Schwede, ich dachte, ich höre nicht richtig…

Nachdem ich es ihm erklärt bzw. in meinem Fahrzeug gezeigt hatte, kam er kurze Zeit später noch einmal zurück und berichtete mir freudestrahlend, dass die Heizung jetzt lief! Ich hatte eigentlich schon damit gerechnet, dass ihm nun eingefallen war, dass er ja gar keine Gasflaschen dabei hatte… 😉

Um auszuchecken, musste ich leider noch bis 8:30 Uhr warten, bis nämlich das Büro aufmachte. Ich zahlte die vereinbarten 36 Euro für zwei Nächte, bedankte mich für den freundlichen Empfang und versprach, wiederzukommen, falls ich Budapest später noch ‚mal besuchen würde.

Die Fahrt aus der Stadt hinaus war trotz des Berufsverkehrs zum Glück kein großes Problem. Der Campingplatz lag ja im Südosten der Stadt und die Autobahn M5 war ganz in der Nähe.

Mein heutiges Ziel war Belgrad, die Hauptstadt Serbiens. Dort war ich vor fast 40 Jahren schon einmal, allerdings bin ich damals zusammen mit meinem Bruder und meiner Schwägerin auf der Reise nach Griechenland nur hindurchgefahren und habe von der Stadt eigentlich gar nichts gesehen. Heute würde das wohl auch nicht so viel anders sein, fürchtete ich, denn morgen früh wollte ich bereits weiterfahren!

Die Strecke von Budapest nach Belgrad verlief überwiegend über Autobahnen; die waren teils sehr holprig und mit extrem tiefen Schlaglöchern, manchmal allerdings auch sehr gut ausgebaut und wie neu! Die Landschaft, die ich den ganzen Tag zu sehen bekam, war eher langweilig; alles sehr flach, viel Landwirtschaft, kaum Bäume. Immerhin hatte ich nach wie vor superschönes Wetter…

Als ich in Belgrad ankam, herrschte dort extrem viel Verkehr! Zusammen mit den teilweise sehr schlechten, manchmal auch engen Straßen musste ich höllisch aufpassen, um Unfälle zu vermeiden! Bei mehrspurigen Straßen war es keineswegs selbstverständlich, dass mein Wohnmobil auf der einen und ein LKW auf der daneben liegenden Spur nebeneinander fahren konnten; ein Spurwechsel glich einem Suizidversuch und die Anweisungen meines Navis (die glücklicherweise allesamt korrekt waren) schienen auch eine Nuance aufgeregter zu klingen als sonst üblich!

Trotzdem kam ich wohlbehalten und ohne Umwege an meinem Ziel an. In Belgrad und Umgebung gibt es so gut wie keine Wohnmobilstellplätze, einen hatte ich allerdings von zuhause aus doch ausfindig gemacht! Im Internet rangierte er unter Camper Center Belgrad, tatsächlich handelte es sich eigentlich um eine Art Möbelgeschäft an einer belebten, in die Stadtmitte führenden Straße. Vor dem eigentlichen Gebäude, dessen Einzäunung über ein verschließbares Rolltor verfügte, hatte man insgesamt sechs Stellplätze eingerichtet, von denen zurzeit nur zwei belegt waren! Glück gehabt; wäre hier alles besetzt gewesen, hätte ich nicht ’mal einen Plan B gehabt… 😉

Ein sehr freundlicher Herr in etwa meinem Alter begrüsste mich, sprach sogar leidlich deutsch! Er zeigte mir, wo sich die Stromanschlüsse befanden, wies mir einen Platz zu und machte im Büro dann seine vorgeschriebene Registrierung; für eine Nacht inklusive Strom musste ich lediglich 10 Euro zahlen, ein absolut fairer Preis für einen offenbar auch sicheren Stellplatz!

Von hier aus mit Bus oder Bahn in die Stadt zu gelangen, war anscheinend überhaupt nicht möglich, also musste wieder das Fahrrad herhalten! Bei einer kurzen Kaffeepause plante ich schnell einen relativ kurze Tour mit meiner Komoot-App und machte mich dann auf den Weg; ich wollte mir wenigstens die Fußgängerzone anschauen, aber möglichst auch den Zusammenfluss von Save und Donau.

Bei der Fahrt in Richtung Zentrum machten mir wieder der starke Verkehr und die wirklich sehr schlechten Straßenverhältnisse zu schaffen, nur mit dem Unterschied, dass mir jetzt kein großes Wohnmobil mehr „als Waffe“ zur Verfügung stand, sondern dass ich auf meinem Bike für die Autofahrer praktisch „nicht existenzberechtigt“ und damit Freiwild war! Radwege waren hier selbstverständlich Fehlanzeige; wo immer möglich, fuhr ich auf Bürgersteigen, die aber an Einmündungen (gefühlte) 50 cm höher lagen als die Straße und ich das Fahrrad jedes Mal herunter- bzw. hinauftragen musste! Schließlich war es aber doch geschafft und ich schlenderte, das Rad nun schiebend, staunend durch die Fußgängerzonen Belgrads.

Staunend deshalb, weil mir eines sofort auffiel: Richtete man seinen Blick geradeaus, so sah man auf den ersten Blick Menschen, Geschäfte und Fassaden wie in fast jeder anderen europäischen Hauptstadt auch; auch hier waren alle gängigen Shops und Modelabel vertreten, vom bekannten Burgerladen bis hin zu Calvin Klein. Schaute man dann aber etwas genauer hin, vor allem etwas nach oben, so bemerkte man recht schnell, wie andersartig die Gebäude, die diese Läden beherbergten, eigentlich aussahen! Sehr wuchtig, kantig, fast bedrohlich; teilweise schon sehr baufällig und fast immer aber mit dem typisch sowjetischen Betoncharme! Und dann natürlich das Kyrillisch, das zu entziffern mir leider immer noch sehr schwer fällt!

In den Fußgängerzonen ging es sehr lebhaft zu, und es war recht voll! Viele hatten offenbar gerade Feierabend und genossen jetzt einen Bummel durch die Stadt! Mir fiel auf, dass vor allem sehr viele junge Menschen unterwegs waren, allesamt sehr laut und mit guter Laune!

In einem kleinen Souvenirladen kaufte ich mein übliches Mitbringsel, einen Fotomagneten; ich war froh, dass ich dort mit Karte zahlen konnte, denn ich hatte ja kein Geld in Landeswährung (Serbischer Dinar) dabei! Der Verkäufer verstand natürlich nicht ein englisches Wort und ich natürlich auch kein serbisch, aber das war ja auch nicht unbedingt nötig.

Nun fuhr ich am Rand eines Parks entlang in Richtung Save. Dabei geriet ich dummerweise auf eine Straßenbahntrasse, auf der weder Autos, Fahrräder noch Fußgänger erlaubt waren; au weia! Glücklicherweise war das nur ein recht kurzes Stückchen und es kam auch keine Straßenbahn; sonst hätte ich ziemlich „alt“ ausgesehen… 😉

An der Save angekommen, genoss ich die herrliche Abendsonne und „radwanderte“ ohne große Eile am Ufer entlang in Richtung Mündung in die Donau.

Rechts hatte ich immer die Belgrader Festung im Blick; sie bildet den historischen Kern der serbischen Hauptstadt und wurde Anfang des 15. Jahrhunderts gebaut. Die Aussicht von dort oben musste fantastisch sein, vor allem bei diesem Wetter! Leider fand ich keinen passenden Weg, um von hier aus dort hinaufzufahren; bei der Planung meiner Tour hätte ich mir wohl doch etwas mehr Zeit lassen sollen…

Meine Versuche, etwas später ans Donauufer zu fahren, scheiterten leider ebenfalls kläglich; überall gehörten die Zufahrten entweder zu Firmengelände oder sie waren privat! Da es nun auch schon wieder sehr spät war, entschloss ich mich, auf mehr oder weniger direktem Weg wieder zurück zum Wohnmobil zu fahren, dafür würde ich sicher auch noch 30 bis 40 Minuten benötigen.

Dort angekommen, genehmigte ich mir vor dem Abendessen noch ein erfrischendes, eiskaltes Bier und ein paar Chips aus der Tüte! Abends gab’s noch eine Netflix-Folge von Shameless mit Emmy Rossum, dann war es auch schon wieder Zeit für die Koje!

Der Titel zu diesem Beitrag bezieht sich auf einen der Beinamen Belgrads. Vom „Tor zum Balkan“ habe ich heute zwar nicht viel gesehen, das ist allerdings natürlich auch kein Wunder, denn ich war ja tatsächlich nur wenige Stunden in der Stadt und habe kaum etwas gesehen! Trotzdem denke ich, dass ich relativ guten Eindruck gewonnen habe, sowohl, was die Lage zwischen den zwei Flüssen anbelangt, als auch bezüglich der Ausdehnung der Stadt und des Flairs der Fußgängerzonen. Im Gegensatz zu Prag, Wien und Budapest, wo mir ja mindestens ein ganzer Tag zur Verfügung stand, kam neben Bratislava nun auch Belgrad viel zu kurz, aber das entsprach exakt meinem Plan und ich wollte den einen Tag an Vorsprung, den ich durch den verkürzten Besuch in Bratislava gewonnen hatte, nicht gleich wieder hergeben…

4 Kommentare zu “Belgrad, das Tor zum Balkan”

    1. Doch, es gibt zwei oder drei Campingplätze, etwas außerhalb der Stadt! Weil ich aber ja nur einen Nachmittag für Belgrad eingeplant hatte, wären die aus Zeitgründen wohl nicht in Frage gekommen; sowohl mit dem Rad als auch mit dem ÖPNV hätte es wahrscheinlich zu lange gedauert, denk‘ ich! Zum Glück war das ja auch nicht nötig… 😉

  1. Hallo Wolfgang,
    als ich las das dein Navi in Belgrad aufgeregter klang wie sonst üblich mußte ich unweigerlich lange grinsen. Solche Kalauer mußt du öfter einbauen, wenn sie einem einfallen 🙂 Puh, gut das du mit dem Fahrrad dann ohne Blessuren durch Belgrad gekommen bist. Deine weiter Beschreibung kann ich anscheinend entnehmen das Belgrad nicht unbedingt einen Besuch wert ist. Schon gar nicht wenn man Budapest oder Prag als Entscheidung hat.

    1. Hi Roland, danke für deinen Kommentar! Ja, ich denke, mit Prag, Wien oder Budapest kann Belgrad wirklich nicht mithalten! Allerdings muss ich natürlich auch immer wieder betonen, dass mein Besuch ja nicht mehr als eine ultrakurze „Momentaufnahme“ war; für eine faire Beurteilung recht das wohl nicht aus…

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