Das nächste Ziel meiner kleinen Herbstreise war das schöne Gent, nur etwa 55 km von Belgiens Hauptstadt Brüssel entfernt. Gent ist nach Antwerpen die zweitgrößte Stadt des Landes (Brüssel liegt nur auf dem fünften Platz). Die Fahrt dorthin war entsprechend kurz, trotz des Berufsverkehrs. Ich hatte mir für die heutige Übernachtung einen ganz normalen und kostenlosen Parkplatz am westlichen Stadtrand ausgewählt, auf dem angeblich auch Wohnmobile übernachten dürften. Allerdings war ich mir nicht ganz sicher, ob das tatsächlich der Fall war, und ob es mir dort auch sicher genug erscheinen würde.

Beides war glücklicherweise der Fall; als ich um 10 Uhr eintraf, standen bereits (bzw. noch) einige Wohnmobile in einem separaten Bereich. Ich suchte mir einen geeigneten Platz aus und schaute mich danach etwas in meiner näheren Umgebung um. Der Parkplatz lag an einer künstlich angelegten Wasserstraße, die für Sportveranstaltungen genutzt wird.

Eigentlich war jetzt natürlich der Besuch der Altstadt fällig. Leider regnete es zu diesem Zeitpunkt so stark, dass ich zunächst abwartete, in der Hoffnung, das Wetter würde sich bessern. Leider war dies aber nicht so; um es gleich vorwegzunehmen: Heute hat es den gesamten Tag ohne Unterbrechung “geschüttet”, und an eine Fahrradtour war daher gar nicht zu denken! Ich nahm’s gelassen, erledigt einige fällige Arbeiten im Wohnmobil und gönnte mir nach einer Portion Matjes mit Kartoffelsalat erst ’mal ein “dekadentes” Mittagsschläfchen!

Um 13:00 Uhr machte ich mich dann aber doch auf den Weg, denn ein Stadtbesuch bei Regen ist ja immerhin besser als gar kein Stadtbesuch! Ich kaufte mir über eine Handy-App online ein Busticket und ging dann, mit “Schirm, Charme und Melone” bewaffnet, zur nahe gelegenen Bushaltestelle.

Während der Wartezeit fiel mir ein älterer Herr auf, der mich neugierig beäugte. Irgendwie schien er nicht nur einen Touristen in mir zu vermuten, sondern auch noch einen Deutschen; nach einer Weile sprach er mich dann tatsächlich auf deutsch an! Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte, er sei schon 89 Jahre alt und hatte vor über 60 Jahren(!) in der Nähe von Dortmund gearbeitet. Er beklagte sich darüber, dass seit einiger Zeit viele Busse gar nicht oder zumindest nur sehr unpünktlich eintreffen würden; die meisten wären schlicht und einfach kaputt, und die Stadt würde die Fahrten lieber ausfallen als die Busse reparieren lassen!

Ich fragte ihn bei dieser Gelegenheit, wie es denn in Gent eigentlich mit den beiden offiziellen Sprachen, französisch und holländisch, aussehen würde. Er erklärte mir, dass man hier überwiegend holländisch sprechen würde; sowohl Gent als auch Brüssel liegen ja im nördlichen Teil des Landes, also in Flandern. Allerdings wird in der Hauptstadt trotzdem fast ausschließlich französisch gesprochen!

Schließlich traf unser Bus doch ein, und zwar recht pünktlich, und wir verabschiedeten uns. Er wünschte mir einen schönen Aufenthalt in Gent. Ein sehr netter Gesprächspartner, fand ich; ich wäre froh, wenn ich mit 89 Jahren auch noch so beweglich und an meiner Umwelt interessiert sein würde wie er! Und natürlich, wenn ich überhaupt so alt werden dürfte… 😉

Ich verließ den Bus an einer Haltestelle am alten Kornmarkt (holländisch Korenmarkt), mitten in der Altstadt. Kaum war ich ausgestiegen, musste ich auch schon meinen Schirm benutzen, und den konnte ich leider den ganzen Rest des Nachmittags nicht mehr wegstecken! Bei diesen Bedingungen Fotos zu machen, noch dazu mit dem blöden Schirm in der Hand, macht nicht wirklich Spaß! Ich hab’ mir trotzdem viel Mühe gegeben; die teilweise mangelhafte Qualität der heutigen Fotos möge man mir verzeihen… 😉

Gent ist wirklich wunderschön! Mal abgesehen von Brüssels Grote Markt finde ich, dass mir Gents Altstadt sogar noch etwas attraktiver vorkam als die der Hauptstadt! Wie schön muss es hier erst sein, wenn richtig tolles Wetter herrscht? (Notiz an mich: Gent bei entsprechender Gelegenheit unbedingt noch ’mal besuchen!). Beide Städte haben allerdings auch eins gemeinsam, nach meinen Erfahrungen der ersten beiden Tage in diesem Land: Sie bedienen das belgische Klischee nahezu perfekt! Wohin man auch schaut, man sieht wirklich überall Fritten-Buden, Waffel-Bäckereien, Bier- und Schokoladenläden! Kaum zu glauben, aber wahr… 😉

Nun wanderte ich kreuz und quer durch die Altstadt, immer auch mit einem Auge nach Gelegenheiten zum Unterstellen Ausschau haltend! Das andere (Auge, meine ich) brauchte ich zum Fotografieren…

Die Stadtsilhouette wird bereits seit dem Mittelalter durch Die drei Türme (holländisch De drie torens) beherrscht, welche in einer Reihe stehen. Dies sind der Turm der im Stil der Scheldegotik errichteten SintNiklaaskerk, der 95 m hohe Genter Belfried sowie, auf dem Foto leider nicht zu sehen, der Turm der 1300 bis 1538 erbauten Sankt-Bavo-Kathedrale.

Ein Stückchen weiter, auf dem Buttermarkt (holländisch Botermarkt), steht die zwischen 2009 und 2012 errichte Neue Stadthalle, ein moderner Bau, der damals für hitzige Diskussionen sorgte. Die multifunktionelle Halle besteht aus einer überdachten Holzstruktur, die auf vier Pfeilern aus Beton ruht und von allen Seiten frei zugänglich ist. Das Dach ist als doppeltes Giebeldach ausgeführt. Darunter befinden sich unter anderem ein Bierlokal, eine öffentliche Toilettenanlage, ein Brunnen und ein Fahrradparkplatz. Soweit jedenfalls die Infos aus Wikipedia; eines wurde bei dieser Aufzählung aber vergessen: Ein hervorragender Platz zum Unterstellen, falls es tatsächlich ’mal regnen sollte… 😉

Hier noch einmal der berühmte Belfried, dieses Mal von der anderen Seite. Zusammen mit der sogenannten Tuchhalle und dem Mammelokker, einem kleinen Anbau, gehört er seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe!

Die oben bereits erwähnte Sankt-Bavo-Kathedrale habe ich mir auch von innen angesehen.

Nun passierte ich auf meinem weiteren Weg das Alte Rathaus, das ebenfalls am Buttermarkt und direkt gegenüber vom Belfried liegt. Sein Bau begann vor über 500 Jahren und dauerte bis zum 19. Jahrhundert; demzufolge findet man hier auch einen Architektur-Mix aus Gotik und Renaissance.

Eine kleine Besonderheit in Gent sind die vielen Wandmalerein in der sogenannten Graffitigasse, die aber eigentlich Werregarenstraatje heißt. Die Graffitis sind zwar offiziell nicht erlaubt, werden aber von den Behörden geduldet. Der schmale Durchgang von einem Straßenblock zu einem anderen stellt sozusagen eine “Leinwand” für junge Straßenkünstler dar; sie schaffen hier echt beeindruckende “Sprühdosenkunst”.

Kurz darauf wechselte ich auf das andere Ufer der Leie über, die hier im Stadtgebiet in die größere Schelde einmündet.

Hier liegt auch das Große Fleischhaus, ein ehemaliger Fleischmarkt. Heute kann man hier immer noch flämische Regionalprodukte erwerben, zum Beispiel den für Gent so typischen Ganda-Schinken.

Hier hat man die berüchtigte “Qual der Wahl”… 😉

Ein sehr gemütliches “Eckchen”, fand ich, der Perleplein.

Und hier ein Blick auf die Burg Grafenstein (holländisch Gravensteen), eine der größten Wasserburgen Europas aus dem 9. Jahrhundert.

Die Graslei (nächstes Foto) ist ein Kai am rechten Ufer der Leie. Der Kai gegenüber heißt Korenlei (übernächstes Foto), der offenbar gerade als Geschenk verpackt worden war! Beide waren Teil des mittelalterlichen Hafens und bilden heute den kulturellen und touristischen Hotspot der Stadt.

Dort setzte ich mich in ein Staßencafé, um eine “amtliche” Kaffeepause einzulegen. Eigentlich wollte ich gar nichts essen, denn ich hatte mir vorhin schon eine Portion Pommes Frites mit der leckeren Frietsaus gegönnt, aber irgendwie war mir der kleine “Cappu” dann doch zu wenig! Eigenartig, aber ich bei meiner Wahl bin ich, wie schon gestern, wieder bei einer Waffel “gelandet” und musste lernen, dass die Lütticher Art offensichtlich doch nicht immer runde Ecken haben muss… 😉

Nachdem ich nun wieder einigermaßen trocken war (ich saß direkt neben einem wärmenden Heizstrahler), beschloss ich, meinen Stadtrundgang zu beenden und mich wieder auf den Weg zum Wohnmobil zu machen! Ich wäre eigentlich gern noch etwas länger in der Altstadt geblieben, aber der ununterbrochene Regen macht einen dann doch irgendwann ein wenig “mürbe”. Ich schlenderte also wieder zu derselben Haltestelle, an der ich vorhin ausgestiegen war und fuhr mit dem nächsten Bus zurück zum Parkplatz, wo ich den Rest des Abends im “kuscheligen” Wohnmobil verbrachte…

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