Eigentlich hatte ich für dieses Jahr eine Wohnmobilreise nach Norwegen geplant, genauer gesagt, eine Rundreise ab Oslo, mich letztlich aber aus mehreren Gründen dann dagegen entschieden. Stattdessen lag nun eine mindestens ebenso spannende Tour vor mir, auf der ich ganz systematisch eine Reihe von Städten im Westen Deutschlands ansteuern möchte, die ich bisher entweder noch nie und nur ganz kurz besucht habe.
Angefangen mit Osnabrück als Auftakt, wollte ich mir als erstes das gesamte Ruhrgebiet mit so gut wie allen wichtigen und großen Städten anschauen, danach geht es dann rheinaufwärts durch viele weitere Orte bis schließlich zum Bodensee. Konstanz wird voraussichtlich der südlichste Punkt meiner Reise sein. Von dort aus fahre ich dann wieder in nördliche Richtung, sozusagen durch die Mitte des Landes, wieder zurück. Eigentlich müsste demnach irgendwann in den nächsten Jahren auch ’mal eine Reise durch den Osten Deutschlands folgen, allerdings gibt es dort nicht so viele große Städte, und die meisten von ihnen habe ich tatsächlich auf früheren Touren schon besucht.
Wie schon erwähnt, ist Osnabrück die erste Station auf dieser neuen Reise, gewissermaßen als Zwischenstopp auf der Anreise ins Ruhrgebiet. An der knapp 170.000 Einwohner zählenden Großstadt, der viertgrößten in Niedersachsen, bis ich nun schon unzählige Male vorbeigefahren; höchste Zeit also, sie nun ’mal etwas genauer kennenzulernen!
Abfahrt war heute früh schon um 6 Uhr! Zwar hatte ich nur ein paar wenige Stunden Fahrt vor mir, aber ich war ein wenig besorgt wegen des direkt in der Stadt befindlichen Wohnmobilparkplatzes, den man natürlich nicht vorab reservieren konnte. Je früher ich vor Ort bin, desto größer auch die Chance, dort unterzukommen. Bezüglich der Übernachtungsmöglichkeiten hatte ich noch zwei weitere Optionen, aber die lagen deutlich weiter vom Stadtzentrum entfernt.
Der Parkplatz neben der Schlosswallhalle, im Südwesten der Altstadt gelegen, war schnell gefunden. Leider waren tatsächlich alle acht für Wohnmobile vorgesehenen Plätze belegt, einige Camper standen sogar auf PKW-Plätzen, was mir überhaupt nicht gefiel! Da es aber noch nicht einmal 10 Uhr war, konnte ich davon ausgehen, dass ich wahrscheinlich nur ein wenig warten musste. So war es dann auch: Nach nicht ’mal 10 Minuten machte sich ein Kastenwagen bereit zur Abfahrt, und kurz darauf bezog ich einen perfekten Stellplatz für die Nacht (15 EUR).
Das Wetter war viel besser als vorhergesagt, daher zögerte ich nicht lange und machte mich zu Fuß auf meinen schon vorher ausgearbeiteten Rundgang durch die Altstadt Osnabrücks. Auf dem Weg zu einem der Stadttore passierte ich das Felix-Nussbaum-Haus, das ich mir allerdings nur von außen genauer anschaute. Es gehört zum Museumsquartier Osnabrück und beherbergt mit mehr als 200 Werken die weltweit größte Sammlung der Bilder des deutschen Malers Felix Nussbaum, die in wechselnden Ausstellungen gezeigt werden. Das markante, holzverkleidete Gebäude wurde nach den Plänen des amerikanisch-jüdischen Architekten Daniel Libeskind 1998 errichtet.

Das Waterloo-Tor ist ein Kriegerdenkmal, das an die berühmte Schlacht bei Waterloo erinnert. Mit seinem umgebenden Bereich ist es in Osnabrück als das Heger Tor bekannt, der eigentliche Name wird lokal kaum noch benutzt. Über Treppen links und rechts kann man auf das Tor gelangen und hat von dort aus einen schönen Blick auf die Altstadt.


Weiter nördlich, immer noch an der alten Stadtmauer entlang laufend, traf ich auf den Bucksturm. Der Turm mit halbrundem Grundriss wurde Anfang des 13. Jahrhunderts als Wachturm zwischen dem Heger Tor und dem Natruper Tor errichtet, die in diesem Abschnitt Bocksmauer hieß. Seinen Namen hat der Turm mit einem Durchmesser fast 11 m angeblich nach einem Stein mit Bockskopf, der im nicht mehr bestehenden obersten Geschoss eingemauert gewesen sein soll.

Noch ein kleines Stückchen weiter steht der sogenannte Bürgergehorsam, ebenfalls ein historischer Wehrturm des alten Osnabrück. Der Turm entstand zwischen 1517 und 1519, sein Name geht auf seine zeitweilige Funktion als städtisches Gefängnis zurück, welches zur Verbüßung von Disziplinar- und Polizeistrafen durch Bürger diente.

Eine Kombination von Alt und Neu stellt die sogenannte Vitischanze dar, in der moderne Architektur auf eine alte Stadtbefestigung gesetzt wurde. Hier war bis 2007 ein Teil der Spielbank untergebracht. Zwischenzeitlich wurde das Gebäude vom Studiengang Industrial Design der Hochschule Osnabrück genutzt. Das Foto zeigt eine alte Steinbrücke über die Hase, einem ca. 170 km langen Nebenfluss der Ems.

Gleich darunter befindet sich der Vitihof. Der kleine mittelalterliche Platz mit Fachwerkbauten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert gibt den Blick frei auf den pittoresken Waschfrauenbrunnen (1983) von Hans Gerd Ruwe.


Die ehemalige bischöfliche Wassermühle fand ihre erste Erwähnung 1240.

Der Hexengang oder auch Klapperhagen ist eine schmale Gasse. Sie führt von der Großen Domsfreiheit zwischen der Kleinen Kirche und dem Dom entlang. Auf dem letzten Stück zur Hase hin befindet sich über der Gasse ein Gebäude, so dass sie aus einem kleinen Portal an der Straße Conrad-Bäumer-Weg endet. Durch die hohen Mauern, die die Gasse umgeben, wirkt der Gang sehr dunkel und bedrückend.
Den Namen erhielt die Gasse wahrscheinlich erst im 19. Jahrhundert, als man vermutete, dass die im 16. und 17. Jahrhundert als Hexen im Bucksturm gefangen gehaltenen Frauen durch den Hexengang zur sogenannten Wasserprobe an die Hase geführt wurden. Diese Annahme gilt jedoch als widerlegt, da der Hexengang zum Bereich des katholischen Domes gehörte, die Hexenverfolgung jedoch durch den evangelisch geprägten Magistrat der Stadt erfolgte. Der ursprüngliche Name „Klapperhagen“ beruht auf dem Verbot, dass sich Personen, die an Lepra oder an der Pest erkrankt waren, nicht in den Dom begeben durften. Hier an der Domfassade durften sie jedoch dem Gottesdienst teilhaben, mussten jedoch mit einer Ratsche vor sich warnen. Und da sagt man, früher war alles besser… 😉


Der römisch-katholische Dom Sankt Peter mit seinen ungleichen Westtürmen ist ein spätromanisches Bauwerk und prägt seit seiner Entstehung die Silhouette der Stadt. Rechts steht der gotische Südturm mit dem Glockengeläut, links der romanische Nordturm.

Hier sah ich mich natürlich auch im Inneren um. Es fand gerade ein Gottesdienst statt, heute ist ja immerhin Pfingstsonntag!

Danach schlenderte ich durch den gerade stattfindenden Markt der sogenannten Osnabrücker Maiwoche. Das beliebte Stadtfest jährte sich 2024 zum 50. Mal und wurde aus diesem Anlass auf insgesamt 13 Tage verlängert.



Eine schillernde Persönlichkeit, die großen Einfluss auf die Entwicklung der Stadt Osnabrück hatte, war Justus Möser. Der studierte Jurist, der sich bald auch als Literat, Historiker und Staatsmann über Osnabrück hinaus einen Namen machte, wurde von Johann Wolfgang von Goethe einst augenzwinkernd als Patriarch von Osnabrück bezeichnet. Ein Denkmal ehrt ihn auf einem Platz in der Nähe des Doms. Darüber hinaus trägt hier eine Schule seinen Namen.

Sankt Marien ist eine evangelisch-lutherische Pfarr- und Marktkirche. Sie zählt zu den kunsthistorisch bedeutendsten Baudenkmälern der norddeutschen Stadt. Eine romanische Vorgängerkirche findet bereits 1177 urkundliche Erwähnung. Allerdings reicht die Baugeschichte der Marienkirche weit vor das Datum ihrer ersten schriftlichen Nennung. Archäologische Spuren lassen auf einen Vorgängerbau aus dem 10. Jahrhundert schließen. Der Bau der heutigen gotischen Hallenkirche begann im 13. Jahrhundert und war zwischen 1430 und 1440 abgeschlossen.



1512 im spätgotischen Stil erbaut, war das Osnabrücker Rathaus am 24. Oktober 1648 Schauplatz für die Aushandlung des Westfälischen Friedensvertrages, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. In Erinnerung an die Verkündung des Westfälischen Friedens von der Rathaustreppe wird am 25. Oktober alljährlich der Friedenstag gefeiert. Im Jahr 2015 wurden die Rathäuser von Osnabrück und Münster, die Stätten des Westfälischen Friedens, mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet.

Meinen Hunger stillte ich direkt auf dem lebhaften Marktplatz. In einem Straßenrestaurant bestellte ich den Mittagstisch, bestehend aus einer Frikadelle mit Kartoffelpüree und Erbsen- und Möhrengemüse, dazu gab’s ein Glas Bier (insgesamt 19 EUR inklusive Trinkgeld).

Seit 1986 ist der vom bereits erwähnten Osnabrücker Künstler Ruwe geschaffene Bürgerbrunnen Mittelpunkt des Platzes des Westfälischen Friedens. Abgebildet sind 1.200 Figuren und Gegenstände, die von der 1.200-jährigen Geschichte der Stadt erzählen. Seinen Namen erhielt der Brunnen, weil er den Bürgern und Bürgerinnen der Stadt Osnabrück gewidmet ist. Das fließende Wasser symbolisiert den Strom der Zeit: Von der größten Schale, die für die Vergangenheit steht, fließt es in die mittlere, der Gegenwart und schließlich in die kleine Schale der Zukunft. Auf meinem Foto ist leider nur die größte Schale zu sehen, die beiden anderen befinden sich dahinter.

In der Altstadt befinden sich zahlreiche Gebäude des Rokoko sowie Häuser aus der Zeit, als in der Stadt noch in Fachwerkbauweise gebaut wurde. Zu ihnen gehören zum Beispiel das 1690 erbaute Hotel Walhalla…

…sowie das das repräsentative Haus Willmann in der Krahnstraße 7 im Herzen der Altstadt.


Die ehemalige Stiftskirche Sankt Johann (auch Johanniskirche) gilt als eine der frühesten großen gotischen Hallenkirchen Deutschlands. Schutzpatron ist Johannes der Täufer. Sie umfasst ein dreischiffiges Langhaus, einen gerade geschlossenen Chor, ein Ostquerschiff und einen zweitürmigen Westriegelbau. Die Kirche steht an der geschäftsreichen Johannisstraße. Sie ist der Siedlungskern der alten Neustadt und ragt weit über deren Häuser hinaus.

Das letzte Ziel auf meinem knapp 7 km langen Rundgang war das Osnabrücker Schloss. Die Bischofsresidenz des protestantischen Osnabrücker Fürstbischofs Ernst August I von Braunschweig-Lüneburg und seiner Frau Sophie von der Pfalz ist seit 1974 Sitz der Verwaltung der Universität Osnabrück. Das Gebäude samt Gartenanlage und die Skulpturen im Schlossgarten einschließlich des Lyra-Denkmals stehen unter Denkmalschutz.


Dieses Kunstwerk aus geschliffenem und poliertem Edelstahl wird als Identifikationsplastik bezeichnet und stammt von Heinz Mack. Es befindet sich im Schlossgarten zwischen dem Schloss und der Stadthalle.

Von hier aus waren es nur noch ein paar Minuten zurück zum Parkplatz, auf dem mein Wohnmobil auf mich wartete. Nach einer gemütlichen Kaffeepause hatte ich eigentlich noch eine Radtour zum Aussichtsturm Piesberg geplant, die fiel allerdings wegen heftigem Regen buchstäblich ins Wasser! Im Nachhinein freute ich mich, meinen Spaziergang durch die Altstadt noch bei bestem Wetter gemacht zu haben, und läutete meinen wohlverdienten Feierabend ein.

Hallo Wolfgang,
gerade habe ich den tollen Südamerika-Blog von Bernd beendet und will dich durch die Städte Westdeutschlands begleiten. Dein erster Bericht von Osnabrück ist ja schon mal ein dickes Ding an Informationen zu den schönen Fotos. Respekt was du wieder alles recherchiert hast. Wie soo viele andere Städte Deutschlands war mir diese Stadt, bis auf den Namen, völlig unbekannt. Jetzt weiß ich mehr und freue mich auf die weitere Tour mit dir und Hannelore.
Liebe Grüße, Roland
Danke für deinen Beitrag, Roland! Im Nachhinein zählt Osnabrück tatsächlich zu den Highlights dieser Reise! So ist es mir ja schon sehr oft gegangen: Man hat von einer Stadt eigentlich nichts als den Namen, erwartet nicht viel und wird dann positiv überrascht… 😉