Irgendwann am frühen Morgen hatte die Azamara Pursuit ihren Liegeplatz offensichtlich an die Viking Star abgetreten, einem Schiff der Reederei Viking Ocean Cruises. Von diesem “Stabwechsel” hatte ich natürlich nichts mitbekommen, denn bis 7:30 Uhr habe ich tief und fest geschlafen! Ich freute mich nach dem Aufstehen über das endlich wieder perfekte Wetter, das ja auch so vorhergesagt worden war…

Zu meinen heutigen Tag gibt’s eigentlich gar nicht so besonders viel zu berichten: Ich bin etwas mehr als 7 Stunden unterwegs gewesen – für gerade einmal 270 km!

Meine Route führte von meinem gestrigen Übernachtungsplatz in Kotor, Montenegro, bis zu einem Campingplatz in unmittelbarer Nähe von Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Mit anderen Worten, es gab heute weder eine Radtour, eine Wanderung, eine Stadterkundung noch überhaupt größere Pausen!

Möglicherweise habe ich heute sogar die mit Abstand anstrengendste Tour auf dieser Reise absolviert! Was ich allerdings wieder ’mal an echten Traumlandschaften sehen durfte, war mehr als nur Belohnung für diese Mühe und ist mit Worten kaum zu beschreiben! Aus diesem Grund werde ich mich mit dem Text etwas zurückhalten und dafür lieber mehr Fotos sprechen lassen; ich versuch’s jedenfalls… 😉

Auf der ersten Etappe ging es eine Weile an der Bucht von Kotor entlang, fast immer nur knapp über Meereshöhe! Der Ausblick auf das Wasser und die gegenüberliegenden Ortschaften war einfach nur wunderschön! Es herrschte um diese frühe Zeit so gut wie kein Verkehr, alles war “mucksmäuschenstill” und wirkte wohltuend friedlich! Ich liebe solche Stimmungen!

Die fast 30 km lange, von hohen und steilen Bergflanken gesäumte und stark gewundene Bucht an der Adriaküste besteht aus insgesamt vier durch Engstrecken miteinander verbundene Einzelbecken. Von außen nach innen liegen die Becken von Herceg Novi und Tivat und hinter einer Halbinsel die von Risan und Kotor. Die beiden letzten gehören zum UNESCO-Weltnaturerbe.

Sveti Đorđe (zu deutsch Heiliger Georg) ist eine von zwei Inseln (auf dem folgenden Foto links) vor der kleinen Ortschaft Perast, die andere (rechts) ist künstlich aufgeschüttet und heißt Gospa od Škrpjela. Auf ihr stehen unter anderem ein aus dem 12. Jahrhundert stammendes Benediktinerkloster und ein Friedhof für den Adel aus Perast und den übrigen an der Bucht liegenden Gemeinden.

Etwas weiter, bereits in Risan, bog ich gemäß Navi von der Hauptstrecke ab. Nun begann eine “Kletterei” in die Berge, an die ich nur mit Schaudern zurückdenken mag! Es handelte sich um eine erhebliche Abkürzung auf dem Weg zur hoch oben in den Bergen verlaufenden M8; hätte ich allerdings auch nur geahnt, welche Wegverhältnisse mich dort erwarteten, wäre ich liebend gern die längere Strecke gefahren, selbst, wenn’s eine Stunde länger gedauert hätte!

Das vorige Foto gibt nur einen kleinen Vorgeschmack dessen, was mich weiter oben erwartete; auf den schlimmsten Teilabschnitten war mir nicht danach zumute, Fotos zu machen, obwohl ich das im Nachhinein natürlich wieder bedaure! Es ging teilweise extrem steil hinauf, natürlich immer auf Sand oder Geröll, sodass die Räder mehr als einmal durchdrehten! Ich schwöre euch, es gab Abschnitte, die ähnelten mehr einem ausgetrockneten Flusslauf als einem Weg, geschweige denn einer Straße! Die Äste, Zweige und Blätter, die auf beiden Seiten “Hannelores” Seitenwände und Fenster zerkratzten, verursachten Geräusche, die ich bis heute nicht aus meinem Gedächtnis bekomme…

Kurz vor dem Ende der Abkürzung, nach einer kleinen Ewigkeit und 1.000 Stoßgebeten in den Himmel, wurde es dann aber endlich wieder etwas besser; teilweise bekam ich sogar wieder so etwas Ähnliches wie Asphalt zu sehen!

Und mir wurde sofort vor Augen geführt, für welche Art von “Gefährt” diese Straße überhaupt kein Problem darstellte…

Ganz oben taten sich nun zusätzlich noch Aussichten auf, die ich auf der Hauptstrecke sicher nicht gehabt hätte! Der Blick auf die Bucht von Risan war einfach atemberaubend schön!

Kurze Zeit später befand ich mich endlich auf der perfekt ausgebauten M8, eine absolute Wohltat für “Hannelore” und mich. Merkwürdig, schon ein paar wenigen Minuten später war dieses (unfreiwillige) Abenteuer vorerst vergessen… 😉

Dieser Ort in der Nähe von Nikšić, den ich eher zufällig während einer kurzen Pause entdeckte, hatte es mir besonders angetan! Der Blick auf den großen See war ohnehin schon superschön, aber dieser kleine, “knubbelige” Felsvorsprung mit der hübschen Kirche und dem dazu gehörenden Friedhof bildeten das i-Tüpfelchen auf dem Sahnehäubchen (oder so ähnlich…).

Die Grenzstation nach Bosnien und Herzegowina, die ich kurze Zeit später erreichte, war eher… sagen wir ’mal… übersichtlich! Zum Glück musste ich kaum 10 Minuten warten, dann war auch schon alles erledigt!

In den folgenden Stunden kam ich mir, was die fremdartige Landschaft anbelangte, manchmal vor, als wäre ich in Norwegen oben auf einem Fjell unterwegs! Gleichzeitig wurde ich aber ständig an die alten Karl-May-Filme aus den 60er Jahren erinnert; ich hätte mich wirklich nicht sonderlich erschrocken, wenn in der Ferne plötzlich eine wilde Indianerhorde aufgetaucht wäre, die zwei einsame Reiter verfolgte…

Den allgegenwärtigen Müll auf beiden Seiten der Straßen konnte man natürlich auch nicht so einfach ignorieren; da man daran aber sowieso nichts ändern kann, gewöhnt man sich (leider!) sehr schnell an diesen Anblick…

Ist das nicht ein Original-Schauplatz aus “Winnetou I”? Ich bin mir da ziemlich sicher… 😉

Ok, dieser hier aber sicher nicht!

Immer wieder genoss ich solche traumhaften Ausblicke; das Land schien unendlich groß zu sein!

Nun war ich nur noch etwa 70 km von Sarajevo entfernt und fuhr durch eine ebenfalls extrem schöne Waldlandschaft. Der Nationalpark Sutjeska (bosnisch Nacionalni park Sutjeska) im Südosten des Landes ist der älteste in Bosnien und Herzegowina und erstreckt sich im Einzugsgebiet der Sutjeska, eines Nebenflusses der Drina, auf einer Fläche von 175 qkm.

Ich würde auch hier wieder deutlich mehr Fotos gemacht haben, wenn ich nur die Gelegenheit zum Halten gehabt hätte! Teilweise gab’s auf dieser Etappe Ausblicke, die denen im Yosemite National Park im Westen der USA in nichts nachstanden!

Gegen 16:00 Uhr erreichte ich endlich mein Tagesziel für heute, den Campingplatz Camping Sarajevo. Hinter mir lag eine scheinbar endlose und anstrengende Fahrt, von der ich aber jede Minute in vollen Zügen genossen hatte. Ok, bis auf die während der Kletterei auf dem “Ziegenpfad” natürlich…;-)

Ich wurde sofort vom Besitzer des Platzes auf sehr nette Art und Weise begrüßt; er sprach sogar sehr gut deutsch und erklärte mir alles Notwendige. Zur Begrüßung gab’s neben einer Übersichtskarte von Sarajevo und sehr nützlichen Tipps sogar noch einen selbstgebrannten Apfelschnaps! Sowas hatte ich vorher auch noch nicht erlebt! Der Platz bestand eigentlich nur aus einer großen, grünen Wiese; drei andere Wohnmobile waren bereits eingetroffen.

Nach einer kleinen Kaffeepause machte ich mich daran, die Leuchtmittel meiner Scheinwerfer auszutauschen; während des Tankens vor ein paar Stunden hatte ich nämlich festgestellt, dass beide(!) H7-Halogenlampen defekt waren! Ich erinnerte mich sofort an meine Spanienreise im April 2018, wo ich an einem Stausee die gleiche Arbeit schon einmal machen musste! So langsam bekomme ich Übung darin, Scheinwerfer auszubauen; ein Boxenstopp in der Formal I ist dagegen eine ziemlich lahme Angelegenheit… 😉 Leider musste ich aber auch feststellen, dass ich nur noch eine Ersatzlampe besaß; morgen muss ich dann wohl ‘mal für Nachschub sorgen!

Gegen Abend gab’s einen leckeren Cocktail und ich schrieb meinen Tagesbericht. Später wurden ein paar Würstchen in der Pfanne verrückt, danach verdrückt, zusammen mit etwas Kartoffelsalat und meiner allerletzten(!) Dose Krombacher, seufz…

Nach einem netten Video-Chat mit meiner Schwägerin und meinem Bruder schaute ich mir noch eine weitere Folge von The Expanse an (ich liebe diese außergewöhnliche SF-Serie!) und ging dann schließlich zu Bett. Ich war megagespannt, was mich morgen in einer weiteren, mir völlig unbekannten Hauptstadt erwartet würde…

2 Kommentare zu “Traumlandschaften im Balkan”

  1. Hallo Wolfgang,
    einmal mehr ein toller Tagesbericht mit sehr schönen Fotos welche mir das Land etwas näher gebracht haben. Beim ansehen und deinen Worten kann man deine Begeisterung dadurch gut nachvollziehen. Abkürzungen in solchen Ländern wirst du wohl jetzt eher vermeiden. Aber zumindest wurdest du mit einer herrlichen Aussicht belohnt und dem Gefühl ein kleines Abenteuer gemeistert zu haben.
    Viele Grüße, Roland

    1. Ja, ich bin immer wieder auf’s Neue erstaunt darüber, welche Kletterkünste so ein Wohnmobil entfalten kann, wenn’s denn sein muss! 😉 Aber dadurch fühlt man sich andererseits auch immer sicherer, weil man solche Situationen besser einschätzen kann! Danke für deine Meinung, Roland!

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