Die letzte Nacht war ziemlich „gruselig“! Zuerst wurde ich gegen 0:30 Uhr durch lautes Hupen jäh aus dem Schlaf gerissen. Ich geriet kurz in Panik, denn ich dachte, es sei meine Alarmanlage! Das wiederum bedeutete, dass sich jemand in meinem Wohnmobil befinden könnte. Dann aber stellte ich fest, dass der Lärm doch von weiter weg kam, aus einem anderen Fahrzeug. Als ich schlafen ging, stand meine „Hannelore“ noch ganz allein auf dem einsamen Parkplatz hoch oben an der Steilküste bei Portopalo di Capo Passero; das andere Fahrzeug musste also erst eingetroffen sein, als ich bereits schlief! Nun, von Erleichterung konnte trotzdem keine Rede sein, wie man sich vorstellen kann. Aus den beiden Seitenfenstern hinten im Schlafbereich war nichts zu erkennen, was aber kein Wunder war. Das Auto würde wohl eher vor oder hinter meinem Wohnmobil stehen. Nach etwa 30 Sekunden wurde der Alarm plötzlich abgestellt (oder hörte von allein auf, so ist es ja auch in Deutschland vorgeschrieben), kurz darauf hörte ich ein Motorgeräusch und das Fahrzeug entfernte sich. Ich wartete aber doch noch fast 30 Minuten, ob irgendein anderes Geräusch zu hören wäre, erst dann versuchte ich, wieder einzuschlafen, nur mäßig beruhigt…

Wer denkt, das war’s, hat sich getäuscht! Um 4 Uhr ging der „Spuk“ erneut los, dieses Mal aber nicht durch eine Alarmanlage, sondern durch ein hell blinkendes Licht, das oben und unten durch die Verbindungstür vom vorderen zum hinterem Bereich durchschien. Ich weiß nicht, was ich mir bei anderer Gelegenheit gedacht hätte, aber nach dem ersten Vorfall kurz nach Mitternacht war selbstverständlich sofort wieder der Gedanke an einen Einbruchsversuch in meinem Kopf! Dieses Mal musste ich handeln, ob ich nun wollte oder nicht: Ich stand also auf, so leise, wie es ging, öffnete vorsichtig die Tür einen Spalt breit und…

…stellte mit großer Erleichterung fest, dass das „böse“ Licht vom Panel meines Kühlschranks stammte! In sonst völliger Dunkelheit war die Anzeige tatsächlich so hell, dass ich es für die Taschenlampe eines Einbrechers gehalten hatte! Einen Dieb mit Taschenlampe konnte ich mir ja noch vorstellen, aber warum, zum Teufel, sollte er sie auf Blinkbetrieb gestellt haben? Ja, ja, ist schon klar, aber führt bitte ’mal selbst solche logischen Überlegungen in meiner Situation, mitten in der Nacht… 😉

Der Grund für die Fehlermeldung war simpel: Die erste meiner beiden Gasflaschen war leer geworden! Normalerweise schaltet meine Regleranlage automatisch auf die zweite Flasche um, aber diesen Mechanismus hatte ich deaktiviert. Ich wollte nämlich genau wissen, wie lange die erste Flasche, die zu Beginn meiner Reise nur etwa halb voll war, reichen würde, um beurteilen zu können, ob ich mit der zweiten für die restliche Zeit auskomme. Damit würde ich also kein Problem haben! Dass dieses Ereignis aber ausgerechnet mitten in der Nacht auftrat, war wieder ’mal typisch! Da mein Kühlschrank auf Gasbetrieb lief, hatte er sich mangels Gas natürlich abgeschaltet. Landstrom gab’s hier ja nicht, und der 12-Volt-Betrieb ist nur bei laufendem Motor möglich.

Ich zog mich also notgedrungen an, schnappte mir meine große Taschenlampe und ging nach draußen. Die Gasflaschen befinden sich bei mir in einem separaten Fach in der Heckgarage; dort stellte ich den Gasbetrieb nun auf die zweite Flasche um. Gleichzeitig sah ich mich natürlich um; trotz der Dunkelheit war aber klar, dass sich jetzt kein zweites Fahrzeug in der Nähe befand. Der Kühlschrank funktionierte wieder, und ich konnte mich erneut zum Schlafen hinlegen.

Was für eine Nacht! So ’was braucht niemand, aber wenn man allein reist und hin und wieder auf solchen einsamen Plätzen übernachtet, kommt es halt schon ‚mal vor, dass einem plötzlich das Blut in den Adern gefriert! Sei’s drum; morgens, wenn’s wieder hell ist und die Sonne scheint, sieht alles wieder ganz anders aus! Und man freut sich, dass nach wie vor, in all den Jahren mit dem Wohnmobil, tatsächlich noch niemals etwas wirklich Schlimmes passiert ist; toi toi toi!

Nun aber genug von solchen Gruselgeschichten… 😉

Wer den ersten Beitrag zu dieser Reise gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch an meinen „speziellen Freund“, den Commissario Salvo Montalbano. Die italienische Fernsehserie, die auf den Romanen von Andrea Camilleri basiert und in Sizilien spielt, hatte es mir vor vielen Jahren angetan, und ich wollte bei dieser Gelegenheit versuchen, einige der bekanntesten Schauplätze und Drehorte aufzusuchen. Der erste von ihnen war heute Ragusa, eine Stadt mit etwa 73.000 Einwohnern, ca. 20 km vom Meer entfernt. Sie heißt in den Romanen Vigáta und ist eine der Spätbarocken Städte des Val di Noto, die 2002 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden.

1693 wurde die Stadt von einem Erdbeben fast völlig zerstört, ihre Vergangenheit mit den mittelalterliche Spuren vernichtet. Im Rahmen des Wiederaufbaus entstanden zwei Stadtteile, einer auf dem Gebiet der ursprünglichen Stadt und einer auf einem etwas höher gelegenen Felsplateau im Westen. Beide sind durch eine tiefe Schlucht getrennt. Im Westen liegt die eher nüchtern und geometrisch angelegte Oberstadt Ragusa Superiore; hier lebt der größere Teil der Stadtbewohner. Im Osten befindet sich die Unterstadt Ragusa Ibla mit prächtigen Bauten im sizilianischen Barockstil. Hier findet man auch einen großen Teil der Kirchen und Paläste.

Die Entfernung zwischen dem oben beschriebenen „Gruselparkplatz“ und Ragusa betrug nur etwa 60 km. Ich hatte mir bereits vorher mit Hilfe von park4night einen kostenlosen Parkplatz in der Oberstadt herausgesucht, den ich auch ohne Probleme fand. Hier stand genügend Platz für lange Wohnmobile zur Verfügung, einige befanden sich bereits vor Ort. Von dort aus wanderte ich nun zu Fuß in Richtung Unterstadt. Aufgrund der Entfernung würde ich normalerweise das Rad wählen, aber hier ging es überall derartig bergauf und bergab, dass dies wohl keine gute Entscheidung gewesen wäre. Meine Wanderung wird bei komoot mit 10 km angegeben, allerdings waren wieder einige Aufzeichnungsfehler dabei. Ich schätze, insgesamt bin ich etwa 8 km gewandert.

Hier befand ich mich zwischen der Oberstadt und dem kleineren, deutlich tiefer gelegenen Ragusa Ibla, das aber selbst wieder auf einem Hügel erbaut wurde. Am Anfang meiner Wanderung ging es also zunächst am Rand der Oberstadt entlang, dann über unendlich viele Stufen hinunter in die Schlucht und zuletzt wieder stetig bergauf; eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit heute, bei der mir die vielen Fotostopps sehr gelegen kamen… 😉

Erst an dieser Stelle bot sich mir ein etwas umfassenderer Blick auf die Unterstadt, der größere Teil davon liegt aber noch weiter rechts hinter den Hügeln…

Schließlich erreichte ich aber doch das eigentliche Ziel meiner Wanderung und stieg jetzt langsam immer höher hinauf…

Schon von weitem entdeckt man die mächtige Kuppel der Domkirche St. Giorgio.

Ein paar Minuten später erreichte ich die hübsche Piazza Duomo, wo ich mich etwas länger aufhielt und mich gründlich umschaute. Im Restaurant links auf dem Foto hatte ich später eine Kleinigkeit gegessen. Man sieht, dass der Platz deutlich nach unten abfällt.

Ein Blick zurück offenbart endlich einen ungestörten Blick auf die wirklich beeindruckende Fassade der Barockkirche.

Der Duomo St. Giorgio, der in den Romanen von Camilleri die Mutterkirche des Landes darstellt, wird als eine der höchsten Ausdrucksformen der europäischen Barockarchitektur angesehen. Er wurde auf den Resten der Kirche San Nicola erbaut, die während des Erdbebens zerstört wurde. Im Inneren befindet sich eine imposante Orgel mit 3368 Orgelpfeifen.

Dieses Gebäude links neben der Kirche hatte ich zunächst für das gesuchte Polizeipräsidium der Stadt Vigáta gehalten, bemerkte meinen Irrtum aber schnell; es sah dem, was ich aus der Fernsehserie kannte, nicht besonders ähnlich.

Weiter auf der Via XXV Aprile ging es dann zur Piazza Pola, dort wurde ich aber fündig: Das Gebäude auf der linken Seite erkannte ich sofort, die bekannte Polizeistation (in den älteren Folgen der Fernsehserie) von Vigáta. In unzähligen Szenen sah man hier den Commissario in seinem etwas klapprigen Fiat Tipo heranbrausen; auch viele Unterhaltungen vor dem Gebäude fanden hier statt. Rechts davon liegt die hübsche Kirche San Guiseppe, die ich mir ebenfalls genauer anschaute. Das Innere gefiel mir deutlich besser als das des großen Doms!

Nach einem kurzen Besuch im Giardino Ibleao, einem Palmengarten, der ebenfalls oftmals in den Filmen zu sehen war, ging ich zurück zur Piazza Duomo und bestellte mir eine Bruschetta und ein Bier; nach dieser erholsamen Pause machte ich mich langsam wieder auf den Rückweg.

Auf einer etwas anderen Strecke ging es wieder zurück und hinunter in die Schlucht, die die beiden Stadtteile voneinander trennt. Und immer im Wissen, dass der schwierigste Teil, der Aufstieg in die Oberstadt, noch vor mir lag…

Jetzt begann die „Kletterei“ über einen mehr als abenteuerlichen Weg. Häufig hatte ich das Gefühl, er sei jeden Moment zu Ende, und ich müsste wieder hinunter und mir eine andere Stecke suchen! Glücklicherweise war dies aber nicht der Fall.

Oben angekommen, wurde ich mit einem weiteren schönen Blick auf die Unterstadt belohnt!

Das große Gebäude im Hintergrund, das Castello di Ragusa Ibla, steht auf dem höchsten Punkt der Unterstadt. Es war früher eine militärische Festung.

Zwei Stadtteile der Oberstadt, die durch eine weitere, langgestreckte Schlucht getrennt sind, sind über insgesamt drei imposante Brücken miteinander verbunden. Mein Weg führte mich im nördlichen Teil immer weiter bergauf…

Endlich war der komplette Aufstieg geschafft; ab hier war die recht anstrengende Teil zu Ende! Die hintere der beiden Brücken auf dem Foto ist die Ponte Papa Giovanni XXIII. Die vordere ist die älteste und heißt Ponte dei Cappuccini oder auch Ponte Vecchio. Sie stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ist 114 m lang und führt in 40 m Höhe über einen alten Steinbruch. Das Foto entstand während der Überquerung der dritten Brücke, der Ponte Nuovo Via Roma.

Irgendwann hatte ich dann auch wieder mein Wohnmobil auf dem großen Parkplatz erreicht. Hinter mir lag eine lange, schweißtreibende, aber dafür superinteressante Wanderung, die ich sehr genossen habe! Nun musste ich mich noch um einen Übernachtungsplatz kümmern, denn hier in der Stadt gab’s dafür keine Gelegenheit. Ich fuhr daher, nach einer kleinen Verschnaufpause, nach Marina di Ragusa, einer Fraktion von Ragusa, die aber 25 km südwestlich direkt am Meer liegt und sich zu einem belebten Ferienort entwickelt hat. Dort fand ich einen eingezäunten und bewachten Wohnmobilstellplatz vor, der von der Gemeinde kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Er bot zwar keinen Schatten, dafür aber Ent- und Versorgung sowie Strom.

Nach einer Kaffeepause schnappte ich mir nun doch noch ’mal mein Fahrrad und fuhr zu einem in Nähe befindlichen Supermarkt, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Morgen geht’s dann zu einem weiteren Drehort der genannten Fernsehserie, auf den ich mich sogar noch mehr freute als auf Ragusa… 😉

4 Kommentare zu “Vigáta alias Ragusa”

  1. Oh je – was für eine Nacht. ich wäre gestorben vor Angst…
    Dafür hattest Du einen wirklich tollen Tag. Das sind ja wirklich großartige Anblicke dieser Stadt oder sagen wir besser dieser Städte.
    Als Tourist macht man die Auf- und Abstiege ja alle gerne mal – als Einwohner ist das natürlich bei dieser doch meist vorherrschenden Hitze ganz schön mühevoll. Der Baustil der Häuser ist hier auch so ganz anders, es erinnert ein bisschen an Frühformen der Hochhäuser. Aber der Gesamteindruck ist wirklich beeindruckend.
    LG Anja

  2. Hallo Wolfgang,
    Anja hat ja schon einen schönen Kommentar geschrieben, bei dem ich zusätzlich noch schreiben kann, das mich Ragusa an einige Bergdörfer in der Toskana erinnert. Ohne es vorher zu wissen, hätte ich mit ziemlicher Sicherheit darauf getippt.
    VG Roland

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